Gewerkschaftliche Gegenwehr und Arbeitsrecht

In Halle laden die FAU und die Kritischen JurstInnen zu einem Vortrag von Jörg Finkenberger:

Montag, 16. April 18 Uhr

Grüne Villa Halle, Am Treff 4, Halle Neustadt

Die große Mehrheit der Menschen in modernen Gesellschaften ist lohnabhängig beschäftigt und hartem Druck durch Konkurrenz ausgesetzt. Sie sind, um diesem Druck etwas entgegensetzen zu können, auf die gemeinschaftliche Verteidigung ihrer Interessen angewiesen.

Organisierung und kollektive Interessenwahrnehmung sind in vielen Formen möglich. Streik und andere Formen des Arbeitskampfes können Interessen meist durchsetzen. Doch schöpfen wir heute unsere Möglichkeiten aus?

Wie kann ein Arbeitskampf organisiert sein? Welche Risiken geht man dabei ein? Wer hat überhaupt das Recht einen Streik zu führen? Und sollten die restriktiven Rahmenbedingungen des geltenden deutschen Rechts bestehen bleiben wie sie sind? Oder sollten sie – durch gesellschaftlichen Druck, oder durch Einflüsse des europäischen Rechts – verändert werden?

Die rechtlichen Rahmenbedingungen, wie sie das geltende Arbeitskampfrecht setzt, sollen auf diesem Vortrag erläutert werden. Er richtet sich an alle Interessierten, an Betriebstätige aller Art, ob gewerkschaftlich organisiert oder nicht. Es werden praktische Anregungen, sowie ein tieferes Verständnis der Probleme des deutschen und europäischen Arbeitsrechts gegeben.

Der Vortrag ist gemeinschaftlich von der Freien Arbeiterinnen und Arbeiter Union (FAU) Halle und dem Arbeitskreis Kritischer JuristInnen Halle organisiert. Wir freuen uns, dass der Referent, Jörg Finkenberger, der als Jurist und Servicekraft die Arbeitswelt aus verschiedenen Blickwinkeln kennt, unserer Einladung gefolgt ist.

Ideolotterie Spezial mit Hannah Wettig: Anti-Feminismus

5.11.17 – 13 Uhr
Kubiz Raoul Wallenberg
Bernkasteler Str. 78
13088 Berlin

Die Veranstaltung ist Teil der Offenen Linken Vernetzungstage (OLiVe).

Nicht nur der neuen Rechten liegen Fragen zur Familie am Herzen. „Familienpolitik ist Bevölkerungspolitik“ wusste Frauke Petry schon zu Beginn ihrer politischen Karriere. Den AFD-Mitgliedern ist internen Umfragen zufolge dieses Thema besonders wichtig. Diese Betonung von „klassischen“ Familien- und Geschlechterbildern ist nicht von dieser Partei erfunden, beschränkt sich nicht auf deren Anhängerinnen und Anhänger, sondern findet sich allerorts.

„Allerorts“ heißt oftmals: während Gesprächen im Betrieb, der Familie, der Schule oder im Sportverein – also durch Statements, mit denen wir konfrontiert sind, wenn wir es wagen, über selbstbestimmtes Leben zu sprechen. Und auch ein vermeintlicher Witz mit sexistischem Inhalt kann mehr über ein aktuell erstarkendes Weltbild aussagen, als dem Scherzkeks lieb ist.Nicht auf alle dieser Bemerkungen lässt sich eine Entgegnung spontan hervorbringen. Die Ideolotterie soll nun ein Forum zu bieten, um gemeinsam solche zunächst überfordernden Aussagen zu diskutieren. Hierfür sammeln wir Statements aus eurer Erfahrung auf Zetteln in einer Lottokugel. Eine Referentin versucht, zufällig gezogenen Aussagen pointiert entgegenzutreten. Darüber hinaus kann diskutiert werden, wie die thematisierten Aussagen überhaupt als Ideologie funktionieren können und welche Bedürfnisse hinter ihnen stehen könnten.

Referentin für die Veranstaltung ist die Sozialwissenschaftlerin und Arabistin Hannah Wettig. Sie berichtet als Journalistin seit 20 Jahren aus der arabischen Region mit Fokus auf die Situation von Frauen, ist Projektleiterin bei der Hilfsorganisation WADI und engagiert sich in der Initiative „Adopt a Revolution – den syrischen Frühling unterstützen“. Sie schreibt u.a. für Jungle World, Emma, Analyse & Kritik oder iz3w, oftmals zu den Themen Feminismus und Kulturrelativismus.

Sin Patrón

Vortrag & Buchvorstellung
mit Magui López & Daniel Kulla

05.08. – TU Berlin/Cafe A – 19 Uhr
Straße des 17. Juni 152 – 10623 Berlin

20.08. – FAU-Lokal – 19 Uhr
Grüntaler Straße 24 | 13357 Berlin

Als Argentiniens Wirtschaft 2001 zusammenbrach, führten Tausende Werktätige Betriebe in eigener Verwaltung weiter. Heute gibt es mehrere Hundert solcher Betriebe in Argentinien, zum Teil von der Regierung kooptiert, zum anderen Teil aber weiterhin im Aufstand. In dem Buch, im Original herausgegeben von einem Verlagskollektiv aus Buenos Aires, gibt es Geschichten von zehn Instandbesetzungen, die in Argentinien »recuperación« heißen: Wiederinbetriebnahme, aber auch Genesung. Vorgestellt wird das Buch von Daniel Kulla, der es übersetzt, aktualisiert und mit Praxisanregungen angereichert hat, sowie von Magui López, Politik- und Sozialwissenschaftlerin aus Buenos Aires.

Karte zum Cafe A
Weg zum Cafe A von OpenStreetMap

Weitere Infos zur Tour: CLASSLESS KULLA

Luther auf das Maul schauen

Vortrag „LUTHER AUF DAS MAUL schauen – Revolution & Reformation in Mitteleuropa“ mit Daniel Kulla

28. Mai 2017
16:00 Uhr
Mehrgenerationenhaus Harold & Maude
Sternstraße 14
Lutherstadt Wittenberg

Facebook-Event: hier klicken..

Gefördert durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt.

Hinweise

  • Der Deutsche Evangelische Kirchentag, der Anlass zur kritischen Auseinandersetzung mit der Reformation ist, wird wohl die Rahmenbedingungen der Veranstaltung prägen. So werden aus einigen Städten Sonderzüge nach Wittenberg fahren. Außerdem wird sich die Suche nach einem Hotelzimmer sehr schwierig gestalten.
  • Der Eintritt ist frei.
  • Zur Einstimmung sei der im Jahr 2014 auf Einladung des AK Zweifel&Diskurs in Wittenberg gehaltene Vortrag von Prof. Dr. Andreas Pangritz empfohlen.
  • Entsprechend § 6 Abs. 1 VersG sind Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, von der Versammlung ausgeschlossen.
  • Eine gesellige Abendgestaltung ist eingeplant.

Thema des Vortrags

Wo stand Luther, als vor 500 Jahren in weiten Teilen Europas die Feudalordnung revolutionär erschüttert wurde? Wen feuerte er an, als fast im gesamten deutschsprachigen Raum ein „Bauernkrieg“ gegen Kaiser, Fürsten, Kirche und Fugger tobte? Hatte Luther nicht zunächst aber den einfachen Leuten den Haupttext ihrer ideologischen Beherrschung erstmals verständlich in die Hand gegeben? Wie kommt es, daß von den damaligen Geschehnissen vor allem Luthers Thesenanschlag zu Wittenberg im Gedächtnis blieb, von den damaligen Klassenspaltungen und erbitterten Kämpfen fast nur die Erinnerung an religiöse Schismen und ihre heutigen konfessionellen Entsprechungen?

Der Autor, Musiker und ehemalige Theologiestudent Daniel Kulla möchte einen Überblick über die damalige Zeit und Luthers Position darin geben. Es wird um die Krise des Feudalismus gehen, um Luthers Rolle als Anstifter und dann Konterrevolutionär, um seine damit einhergehenden Feinderklärungen gegen Bauern, Juden, Türken und das Bier, um die Nachwirkung auf Fürstenherrschaft, Untertanen-Protestantismus und antisemitische Tradition, schließlich um die ständige Gefahr des Aufgreifens eines zurechtgemachten Luther durch nationalistische Bewegungen.

Weitere Veranstaltungen zum Thema

Im Rahmen der Kampagne Gegen die Helden hält Daniel Kulla diesen Vortrag am 5. Mai in Potsdam im Sputnik.
Am 6.5. hält Daniel Kulla diesen Vortrag in Eisenach.

Thinking about struggle

Samstag 19.11. – 14 Uhr – Harold & Maude, Sternstraße 14, Lutherstadt Wittenberg

Die Kämpfe von Geflüchteten, der vertrackte Umgang mit der Ideologie und dann auch noch die Umsetzung des Protestes in Kunst – an diesem Rundumschlag versuchen wir uns mit einer Veranstaltung am 19.11. in Wittenberg. Weshalb denn in Wittenberg? Wie in vielen anderen Orten häufen sich auch hierNaziübergriffe, wie auch in der Regionalzeitung nachvollzogen werden kann:

„Fünf Deutsche sollen in der Nacht zum 14. April (Donnerstag) Woche in der Wittenberger Lerchenbergstraße in die Wohnung eines 23-Jährigen aus Eritrea eingedrungen sein und den Mann mit Fäusten traktiert haben.“ (Mitteldeutsche Zeitung, 27.04.16)

„Eine Männergruppe hat in Wittenberg auf einen Mann aus Burkina Faso eingeschlagen und ihn ausgeraubt. Die fünf unbekannten Täter verletzten den 34-Jährigen so schwer, dass er stationär behandelt werden musste.“ (Mitteldeutsche Zeitung, 02.05.15)

„Einer der beiden Tatverdächtigen forderte mit einem Messer, von dem 34-Jährigen die Herausgabe von Bargeld, der dies jedoch verweigerte. Der zweite Tatverdächtige soll daraufhin ein Beil aus seinem Rucksack genommen haben. Durch beide Tatverdächtige wurden die beiden Somalis währenddessen ausländerfeindlich beleidigt und angespuckt.“ (Mitteldeutsche Zeitung, 21.09.16)

Damit reiht sich die Stadt ein in eine lange Liste von Orten, in denen die rassistische Stimmung in die brutale Tat umgesetzt wird. (Aktuelle Ereignisse des Landes sind dokumentiert im Artikel „Eskalation in Sachsen-Anhalt) Aktuell wird diskutiert, ob Flüchtlinge in Wittenbeg noch sicher wohnen können (Vgl. MZ-Artikel).
Auf der anderen Seite bestehen, wie vielerorts auch hier Zusammenschlüsse, die Geflüchtete unterstützen oder sich gegen Rassismus engagieren. Das Engagement von Einzelnen entschuldigt jedoch keineswegs die dahingehenden Defizite der staatlich organisierten Versorgung. Hinzu kommen systematische Schikane und Entrechtung durch Politik, Behördern und Polizei. Die eklatant mangelhafte Versorgung von Ankommenden und die Verschärfungen des Asylrechts (hier dokumentiert), die jeweils allein schon einen Skandal darstellen, sind Grund genug für Protest von allen, die dies mitbekommen. Doch viele „Supporter“ sind es nicht, die sich gemeinsam mit den Betroffenen empören. Vielmehr nimmt ein beachtlicher Teil der Deutschen jegliche Forderungen als „dreist“ wahr und wittert eine Bevorzugung der Flüchtlinge. Einer solchen gesellschaftlichen Stimmung, die sich nicht zuletzt im Zusammenhang mit den Wahlerfolgen der AfD artikuliert, ist nur schwer etwas entgegenzusetzen. Die Veranstaltung ist ein Versuch.
Lisa Thomas und Arash Dosthossein, die an den 2012 von Würzburg ausgehenden Refugee-Protesten beteiligt waren, stellen in einem Erfahrungsbericht dar, was sie dazu bewegt, Forderungen aufzustellen und diese in die Öffentlichkeit zu tragen. (Einige Positionen können bereits in diesem Artikel von Lisa Thomas nachgelesen werden.)
Im Anschluss gibt es einen Workshop, in dem die Teilnehmenden rechtes Gerede zur Debatte stellen können. Einzelne Aussagen werden auf Zetteln notiert und in ein Lostrommel geworfen. Daniel Kulla wird Entgegnungen vorstellen und erklären, wie die Aussagen und die mit ihnen verknüpften Weltbilder funktionieren.
Abschließend soll es um die praktische Seite von Prostest gehen. Ein Referent vom Graffitiarchiv stellt in seinem Vortrag den Zusammenhang von Graffiti und politischen Forderungen dar. Zusätzlich wird es eine Graffitiwand geben, an der Interessierte sofort loslegen können.



Denn was und wie man uns kaputt macht, ist auch etwas, das uns eint. 1

Die Begriffe, die das uneingelöste Glücksversprechen der bürgerlichen Gesellschaft einst ausbuchstabierten, fallen der Relativierung zum Opfer. Freiheit und Gleichheit, an deren praktischer Verkehrung Marx noch ansetzen konnte, sind heute selbst als Begriff entwertet. Was als Ziel des Einzelnen bleibt, der sich mit Unfreiheit und Ungleichheit als „alternativlos“ abgefunden hat, ist das private Glück als privat ersehntes. Das heißt, es wird völlig subjektiv und damit ohne gemeinen Inhalt gedacht. Eine objektive gesellschaftliche Ebene der Emotion Glück und ihrer Ursachen, ein allgemeiner Begriff von Glück, diffamierte die Verhältnisse als steter Quell von Hilflosigkeit, aus deren Erfahrung die Ohnmacht sich speist.
Im August 1941 schrieb Adorno an Horkheimer als Kommentar zu dessen Aufsatz über Neue Kunst und Massenkultur:

„Etwa, wie wenn man, verlassen auf einer Insel, verzweifelt einem davonfahrenden Schiff mit einem Tuch nachwinkt, wenn es schon zu weit weg ist zum Rufen. Unsere Sachen werden immer mehr solche Gesten aus Begriffen werden müssen und immer weniger Theorien herkömmlichen Sinnes. Nur daß es eben dazu der ganzen Arbeit des Begriffs bedarf.“ — Adorno an Horkheimer, 21. 8. 1941, in: HGS 17, S. 153

Es gab Zeitfenster, in denen es realistisch erschien, selbst den Kurs des Schiffes zu setzen. Die Theorie, die hätte hegemonial werden können, fand sich bei Marx. Doch diese Situation ist nur mehr Erinnerung und die Neue zwingt die Theorie zu einer gänzlich anderen Haltung. Es kann nicht mehr darum gehen, große Konzepte aufzufahren, deren Schöpfer man heute für anmaßend halten muss. Die Einspruch implizierenden Begriffe zu bewahren und zu entwickeln, für die Möglichkeit, diese als Bausteine für Praxis nutzbar machen zu können, ist adäquat. Diese Begriffe beinhalten und reproduzieren die Widersprüche des Falschen, aber sie können sie eben auch zu Tage treten lassen. So arbeiten sich die „Gestrandeten“ (die doch nie aus der Gesellschaft gelöst sind) ab an der Ideologie, in der Hoffnung, sie möge Brüche und Risse davon tragen.
Die Geste, das Nachwinken, sollte in dem Augenblick und an dem Ort erfolgen, an dem möglichst viele Augen der mehr oder minder blinden Passagiere auf diese Geste gerichtet sind. Das heißt, gerade dort, wo der größte Schindluder getrieben wird, kann der Ideologie zugesetzt werden. Nun ist die perfideste Baustelle kapitalistischer Verdrehung: das Glück.
Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, so appelliert das Kapital an die Arbeitsmoral aller Beteiligten. Wer weniger abbekommt, hat sich nicht genug Mühe gegeben und wer reich ist, war asozial gierig. So werden die bürgerlichen Kümmerformen von Gleichheit und Freiheit schon früh verstanden. Der oftmals fragile materielle Wohlstand ermöglicht feine Sachen wie Komfort, Bildung oder bessere Gesundheit. Doch der aristokratische, zum schöngeistigen befähigende Müßiggang eines Marcel Proust findet sich nur noch selten. Um seinen Lebensstandard zu halten ist der Kapitalist sowohl gezwungen, das Kapital zu investieren, anstatt es zu verfressen, als auch die Produktion auf die aktuelle Nachfrage auszurichten, anstatt die Ziele frei zu diktieren. Offenbar zwingt die Akkumulation alle Beteiligten in ihre mehr oder minder verschleißenden Rollen.

„Er [der bürgerliche Mensch, J.B.] produziert eine Welt der großartigsten und wunderbarsten Dinge, aber diese seine eigenen Geschöpfe stehen ihm fremd und drohend gegenüber: sind sie geschaffen, so fühlt er sich nicht mehr als ihr Herr, sondern als ihr Diener. […] Aus dem Werk seiner Hände, bestimmt ihm zu dienen und ihn zu beglücken, wird eine ihm entfremdete Welt, der er demütig und ohnmächtig gehört.“— Erich Fromm: Zum Gefühl der Ohnmacht in Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 6, 1937, S. 95)

Hilflos gegenüber dem Produkt sind die Produzenten nicht durch die Entfremdung, die notwendig ist, um allgemeine Versorgung effizient zu gestalten. Die angesprochene Drohung ist die, nicht mehr versorgt zu sein. Subjektiv wahrgenommen wird diese Hilflosigkeit als Ohnmacht.
Erich Fromm hielt das Gefühl der Ohnmacht für derart wichtig, dass er vorschlug, die Neurose von der (oft unbewussten) Ohnmacht her zu greifen. Nun kann nach der Aktualität gefragt werden: Die in den Text eingeflossene Erfahrung stammt aus einer Zeit, in der gerade etwas Schlimmes in Deutschland passierte, was noch nicht so recht zu fassen war; die vorangehenden Jahrzehnte aber eben auch emanzipatorische Momente enthielten. Und wie zweifelhaft deren inhaltliches Potential auch gewesen sei: Zusammenschlüsse zum tätlichen Aufstand konnten sich mitunter tagelang zur Wehr setzen. Es waren vielleicht keine Sprungfedern zur Transformation der Gesellschaft, doch politische Einmischung hatte noch Resonanz. Heute sind die Erfahrungen nahezu gänzlich frei von dieser Resonanz des Selbstbewusstseins. Wo Gesellschaft seit dem tatkräftig umgestaltet wird, geschieht dies gerade gegen individuelle Freiheit und abseits von der Hoffnung auf irdisches Glück. Die Nazis hatten, so musste in den Jahren nach Erscheinen von Fromms Text schrittweise eingesehen werden, die Unmündigkeit bereits zur Prämisse. Verfolgt wurde die mimetische Erfahrung, wie das Schwelgen im Duft, als auch alles, was an Rechte und Freiheiten des Einzelnen erinnerte. Die Gotteskrieger von heute trachten ebenso nach Auslöschung des individuellen Glücks. Ihre Resonanz ist das Ohnmachtsgefühl im nach Freiheit strebenden Subjekt.
Doch zurück zum Versuch, den Davonfahrenden zu winken, die ihr Schiff am laufen halten, ohne aufzublicken. Die erwähnte Geste muss so gestaltet sein, dass sie die Verhältnisse mit bitterer Klarheit denunziert. Sie soll bewusst machen, wie die größten Widerwärtigkeiten als natürlich, notwendig oder gar erstrebenswert dargestellt werden. Zu attackieren ist die Reklame um das Glück, da in diesem Wort einst steckte, was die Aufklärung trieb: Glück hat letzten Endes Code zu sein für die Überwältigung der Hilflosigkeit, die Bemächtigung der eigenen Möglichkeiten. Teil dessen ist der objektive Anspruch, Gesellschaft bewusst vernünftig einzurichten. So weit zur Lage auf dem Schiff.
Das Subjekt kann zwei Ausprägungen von Glück erfahren: das aktive Vorgehen gegen die Hilflosigkeit, welches Ohnmacht verdrängt, ruft somit aktives Glück hervor. Das Sich-hingeben an eine Erfahrung, von der man sich überwältigen lässt, ist wiederum eine passive Form. Hier stellt sich das Subjekt gegen die rastlose Geschäftigkeit, welche von der Ohnmacht hervorgerufen wird. Die Hilflosigkeit bleibt, doch die Ohnmacht kann in der sinnlichen Erfahrung temporär auf Eis gelegt werden.
Dass die Welt, wie sie aktuell eingerichtet ist, sehr vielen Leuten nicht Zeit und Mittel lässt, sich sinnlichen Erfahrungen zu widmen, ist objektive Hilflosigkeit. Täglich ist offenbar, wie widerwärtig Kapital und Staat das Leben zurichten, wenn nicht gar beenden. Wir wissen genug darüber, wir müssten es nur begreifen. Ein vorscheinhafter Begriff von Glück, der sich abstößt von oktroyierter Ohnmacht, kann die Geste sein, die ein mehr als angebrachtes Entsetzen an Bord hervorruft. Denn die reale Quelle der Ohnmacht, die systematische Hilflosigkeit, ginge daraus als anzugreifender Punkt hervor.
Doch wenn die Theorie dem Hoffen auf ein Wunder durch blanke Aktivität geopfert wird, so geht es nicht gegen die Ohnmacht, sondern in ihre Perfektionierung:

Man verzichtete darauf, zu wissen, was man ändern wollte und wie man es abändern könnte, und glaubte, daß irgendein Umschwung, auch wenn man ihn seinem Inhalt nach gar nicht bejahte, besser sei als gar nichts und zum mindesten die Möglichkeit in sich berge, das zu vollbringen, woran die eigene Anstrengung gescheitert war. Diese Hoffnung auf einen Umschwung, wie immer er auch geartet sei, war der Nährboden für das Wachstum der zum Siege des autoritären Staates führenden Ideologie.“ — Ebd., S. 102

Gerade das diffuse, privat ersehnte Glück und die Vorahnung, dass es verstellt ist, sind potentielle Triebfeder für Panik. Wenn das Individuum die Ausweglosigkeit spührt, ohne sie zu fassen zu bekommen, bleibt nicht viel außer dem Erstarren und der Raserei.

  1. Der Titel ist dem Lied „DMDKIULIDT“ der Gruppe Ja, Panik! entliehen. [zurück]

Podiumsdiskussion: Notwendigkeit und Schwierigkeiten der Assoziation

Über materialistische Staatskritik und Kampf um Produktionsmittel am Beispiel der argentinischenempresas recuperadas

20. Februar 2016 — 19 Uhr
Reilstraße 78 — Halle (Saale)

Es diskutieren:

  • Anna Kaltenbach (Juristin)
  • Jörg Finkenberger (Das grosse Thier, veröffentlichte kürzlich „Staat oder Revolution“ im ça-ira Verlag)
  • Jacop Belbo (AK Zweifel und Diskurs)

Die ökonomische Notwehr der Akteure ist der politische Hoffnungsschimmer ihrer linken Fans – zu Recht? In Argentinien gibt es inzwischen Hunderte, dem Vorbesitzer abgerungene, instandbesetzte, „genesene“ Betriebe. Sie entspringen keinem planvollen Vorgehen, sondern der spontanen Aktion von Produzierenden mit Aussicht auf Arbeitslosigkeit mit einhergehender Verarmung. Zunächst übernimmt die Belegschaft ihren maroden Betrieb aus Verzweiflung, um nicht völlig ohne Auskommen dazusitzen. Doch mit dem selbst-organisierten Produzieren liegt die Verfügungsgewalt über die Maschinen plötzlich bei den Produzierenden.

Eine Gesellschaft ohne Klassen und Staaten wird schließlich nicht in einem verwunschenen Moment aus der dünnen Luft entstehen. Eine befreite Gesellschaft ist nicht als errungener Zustand am Ende der Revolution zu denken, sondern nur als ein unendlicher Prozess. Kein Übel der alten Gesellschaft verschwindet durch Zauberhand. Keine Instanz garantiert ggf. die Fortdauer der besseren Verhältnisse. Das Festhalten an der aktuellen Einrichtung garantiert jedenfalls, dass die Katastrophe immer weiter eskaliert.

Doch je mehr die kämpfenden Arbeiter von der bisherigen Organisation abweichen, um so stärker treten die Widersprüche mit ihr zutage, ob als nach innen gewandter Konkurrenzdruck oder als Kampf mit dem alten Staat. Doch sind Fabrikbesetzungen per se schon herrschaftsfeindliche Experimente oder degeneriert die im Grunde abstrakte Vermittlung des Arbeitsmarktes bei solchen Vorhaben zu eingeschworenen Selbstausbeutungs- gemeinschaften?

Die Schwierigkeiten, die mit der Wiederaufnahme des Betriebes verbunden sind, geben einen Aufschluss über die Natur der Gesellschaft, in der wir heute leben, und die Schwierigkeiten ihrer Veränderung. Materialistische Kritik des Staats und der Gesellschaft hat diese Schwierigkeiten zum Gegenstand und hat sich an ihnen zu messen. In erster Linie ist das Aufrechterhalten von Produktion in der Krise Grund genug, dem argentinischen Beispiel zu folgen. Dieser Kampf ist die tastende Suche nach dem Ausweg, er provoziert zwingend die Mündigkeit der Einzelnen, die sich eigenmächtig organisieren, um ihre Interessen durchzusetzen.

Ist die Praxis der Fabrikbesetzung jedoch ein denkbares Mittel der Neuerrichtung der Gesellschaft? Oder ist sie lediglich ein Notbehelf, eine Abwehrmaßnahme gegen die Krisenfolgen der kapitalistischen Produktionsweise? Besteht zwischen beidem überhaupt ein notwendiger Gegensatz? Der historische Moment, in dem wir dieses diskutieren, ist derjenige einer erneuten Weltkrise, in der die Frage der Veränderung auf dringendste, aber keineswegs erfolgversprechendste Weise gestellt ist. Umso dringender ist es, auf der begrifflichen Basis bisheriger Kritik und genauer Betrachtung der konkreten Erfahrungen zu erörtern, welche Schlüsse daraus z.B. im Hinblick auf eine kommende Krise der deutschen Autoindustrie auch im bisher ruhigen Hinterland gezogen werden könnten.

Buchvorstellung: Sin Patrón

Sin Patrón – Herrenlos. Arbeiten ohne Chefs
Instandbesetzte Betriebe in Belegschaftskontrolle in Argentinien
Vortrag und Buchvorstellung mit Daniel Kulla

4. November 2015 um 19:30 Uhr
Humboldt Universität zu Berlin
Hauptgebäude UL6, Hörsaal 2097

Eine Buchbesprechung findet sich beim großen Thier .

Ankündigung der Veranstaltenden:

Als Argentiniens Wirtschaft 2001 zusammenbrach, führten Tausende Werktätige Betriebe in eigener Verwaltung weiter. Heute gibt es mehrere Hundert solcher Betriebe in Argentinien, zum Teil von der Regierung kooptiert, zum anderen Teil aber weiterhin im Aufstand. In dem Buch, im Original herausgegeben von einem Verlagskollektiv aus Buenos Aires, gibt es Geschichten von zehn Instandbesetzungen, die in Argentinien »recuperación« heißen: Wiederinbetriebnahme, aber auch Genesung. Vorgestellt wird das Buch von Daniel Kulla, der es übersetzt, aktualisiert und mit Praxisanregungen angereichert hat.

»Es mag verwegen anmuten, mit Blick auf das heutige Deutschland an Arbeiterselbstverwaltung und Klassenkampf zu denken. Doch der zuletzt geschürte Hass auf Arbeitskämpfe und Streiks wie bei der Bahn, das Erstarken von Rassismus und Antisemitismus verlangen eine Antwort. Hass und Ideologie blühen so lange, wie Menschen sich nicht als Ebenbürtige behandeln, das ist die Überzeugung hinter den Instandbesetzungen in Argentinien und anderswo.«

Die SPD und Tucholsky

Morgen Nachmittag veranstaltet Hans-Günther Mahr von SPD Mitte einen Spaziergang „[a]uf den Spuren des gebürtigen Moabiters Kurt-Tucholsky“. Tucholsky selbst fände wohl weder den Bindestrich in seinem Namen noch die Vereinnahmung durch die SPD toll. Spontan fallen mir zwei Textstellen ein:

„Es ist ein Unglück, daß die SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands heißt. Hieße sie seit dem 1. August 1914 Reformistische Partei oder Partei des kleinern Übels oder Hier können Familien Kaffee kochen oder so etwas –: vielen Arbeitern hätte der neue Name die Augen geöffnet, und sie wären dahingegangen, wohin sie gehören: zu einer Arbeiterpartei. So aber macht der Laden seine schlechten Geschäfte unter einem ehemals guten Namen.“ – Die Weltbühne, 19. Juli 1932, Nr. 29, Seite 98

In „Ein älterer, aber leicht besoffener Herr“ lässt Tucholsky den Ich-Erzähler trinkend durch das Parteienspektrum der Weimarer Republik wanken:

Denn wak bei die Sozis. Na, also ick bin ja eijentlich, bei Licht besehn, ein alter, jeiebter Sosjaldemokrat. Sehn Se mah, mein Vata war aktiva Untroffssier … da liecht die Disseplin in de Familie. Ja. Ick rin in de Vasammlung. Lauta klassenbewußte Arbeita wahn da: Fräser un Maschinenschlosser un denn ooch der alte Schweißer, der Rudi Breitscheid. Der is so lang, der kann aus de Dachrinne saufn. Det hat er aba nich jetan – er hat eine Rede jehalten. Währenddem dass die Leute schliefen, sahr ick zu ein Pachteigenossn, ick sahre: »Jenosse«, sahre ick, »woso wählst du eijentlich SPD –?« Ick dachte, der Mann kippt mir vom Stuhl! »Donnerwetter«, sacht er, »nu wähl ick schon ssweiunsswanssich Jahre lang diese Pachtei«, sacht er, »aber warum det ick det dhue, det hak ma noch nie iebalecht! – Sieh mal«, sachte der, »ick bin in mein Bessirk ssweita Schriftfiehra, un uff unse Ssahlahmde is det imma so jemietlich; wir kenn nu schon die Kneipe, un det Bier is auch jut, un am erschten Mai, da machen wir denn ‚n Ausfluch mit Kind und Kejel und den janzen Vaein … und denn ahms is Fackelssuch … es is alles so scheen einjeschaukelt«, sacht er. »Wat brauchst du Jrundsätze«, sacht er, »wenn dun Apparat hast!« Und da hat der Mann janz recht. Ick werde wahrscheinlich diese Pachtei wähln – es is so ein beruhjendes Jefiehl. Man tut wat for de Revolutzjon, aber man weeß janz jenau: mit diese Pachtei kommt se nich. Und das is sehr wichtig fier einen selbständjen Jemieseladen!“

Frau Schmoll und ihre Intelligenz

Die FAZ ist sichtlich damit überfordert, halbwegs sinnvolle Artikel für die Titelseite zu finden. So schaffte es am Samstag die elitenversessene „Journalistin“ Heike Schmoll (bekannt durch ihr Buch „Lob der Elite: Warum wir sie brauchen“), ihren „fundierten“ Kommentar „Abitur ohne Wert“ auch jenen zugänglich zu machen, denen das Aufblättern dieser Zeitung nicht als lohnend erscheint.
Die Hochschulreife, deren Vergabe Ländersache ist, sei bundesweit nicht vergleichbar, so die dringliche Erkenntnis. Die Schulabsolventen aus verschiedenen Bundesländern legen Prüfungen von unterschiedlichem Niveau ab und sind daher verschieden gut auf ihr Studium vorbereitet.
Scholl sieht sich, weil man das Problem ja lokalisieren muss, noch an, wo denn die dummen Kinder wohnen. Die gebürtige Tübingerin entnimmt einer Studie, dass Baden-Württemberg das anspruchsvollste Abitur hat, Schleswig-Holstein hingegen niedrigere Erwartungen habe. Die Studie, erstellt vom Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), bezog sich nur auf Mathematik. Aber das ist nicht so schlimm, bilden doch Naturwissenschaftler die Elite. Studiert man so etwas wie Germanistik und Theologie, landet man ja doch nur bei der FAZ. Es gibt übrigens auch einen Zusammenhang zwischen den Matheergebnissen und dem Profil der Schule. Sie führt an, dass „Gymnasien mit naturwissenschaftlichem Profil am besten abschnitten, die mit ästhetischem Profil am schlechtesten…“ Gut, dass solch steile Thesen gut belegt sind.
Dann ergänzt sie noch beiläufig, dass das mit der Schule aber eh nicht so einfach sei, da Kids mit dummen Eltern selbst dumm bleiben:
„Auch wenn es lange Zeit bestritten wurde, ist inzwischen längst erwiesen, dass Lernleistung ganz wesentlich an Intelligenz gekoppelt ist. Mit anderen Worten: Bildungserfolge sind in hohem Maße „erblich“, denn Intelligenz wird vererbt. Niemand wird durch seine Umgebung begabt, sie kann allenfalls durch gezielte Anregungen schlauer machen – aber immer nur im Verhältnis zur vorhandenen Intelligenz.„
Wer das wie herausgefunden hat, ist vermutlich nicht so wichtig. Frau Schmoll hat vielleicht schon immer geahnt, dass es das elitäre Blut ist, das die Intelligenz transportiert. Es ist umgekehrt auch schön, seine eigene geistige Limitierung samt Aussetzern in Kommentarform den Eltern in die Schuhe schieben zu können. Wer sich mit Bildung befasst und nichts über die kindliche Lernkurve vor der Einschulung inklusive pränataler Prägung weiß, kann wohl nur zu dem Schluss kommen, dass spätere Diskrepanzen hinsichtlich Schulnoten angeboren sein müssen. Dass es Erfahrung und Nachahmung ist, was Kinder am meisten an ihre Eltern angleicht, kann natürlich nicht sein. So wäre die Elite vor die Herausforderung gestellt, sich mit ihren Bälgern zu befassen. Sie würde sich aufrappeln müssen, um Wissensdurst und Freude an Erkenntnis bei den Sprösslingen anzuregen. Auch müsste die menschliche Entwicklung in einem Spannungsfeld aus biologischen und sozialen Prozessen gegriffen werden, wobei Annahmen über lineare Zusammenhänge und Monokausalitäten einem Bewusstsein für die Verschränktheit von Genen und zwischenmenschlicher Erfahrung weichen müssten. Das einzelne Subjekt und seine Möglichkeiten ist Leuten wie Frau Schmoll seit je her egal. Das Kind bleibt Exemplar, bestehend aus Genen und Lehrplänen, wobei ersteres natürlich überwiegt. Und was den Nachwuchs angeht, lässt sich mit etwas elterlichem Geschick der Elite das eigene freie Kapital mittels Nachhilfe und einer helfenden Hand bei Studienarbeiten in die Kleinen binden, deren Abschlüsse ihren Platz in der Gesellschaft legitimieren.
Schmoll ist sich sicher, dass die Intelligenz, also das Resultat der IQ-Test und Mathe-Prüfungen, vollständig in den Genen schlummert. Hat das ein biologisches ThinkTank aus der Germanistin/Theologin Schmoll und dem Ökonomen Sarrazin herausgefunden? Auch das ist nicht wichtig. Schmoll, die augenscheinlich über so Profanes wie wissenschaftlicher Evidenz erhaben ist, weiß, dass ihre Vererbungsthesen einfach nur totgeschwiegen werden. So folgt im Artikel direkt auf die oben zitiert Passage das Sprüchlein der verkannten Erleuchteten:„Auch das ist inzwischen belegt. Es wird nur nicht gern gehört.“

Jacop Belbo

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kommentar-abitur-ohne-wert-13683485.html